AlleSonntags im Museum

Linsenkunst zwischen Vorstellung und Realität

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Barbara Breitenfellner, "Traum einer Installation aus einem Hund und verschiedenen schiefen Ebenen." Arbeitsmaterial für eine Installation im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt a.M., 2015

 

RAY 2015 IMAGINE REALITY

- unter diesem Titel sind in diesem Sommer 12 Ausstellungen mit zeitgenössischen Fotografien in Rhein-Main/Frankfurt zu sehen. Als Start der Ausstellungsreihe haben wir das Museum für angewandte Kunst ausgesucht.

Die Sonne scheint an diesem Morgen und sendet passend zum Ausstellungstitel ihre Strahlen. An der Kasse des Museums empfängt uns eine ausgesprochen freundliche und kompetente Mitarbeiterin. Überhaupt hat man in diesem sehr aufgeräumten Haus den Eindruck, dass sich die Mitarbeiter geradezu persönlich über jeden der Besucher freuen, gut vorbereitet sind und immer ein freundliches Wort finden - das ist so bemerkenswert, weil wir es auch schon ganz anders erlebt haben. Zu den oberen Stockwerken mit den Ausstellungsräumen und dem Museums-Café führt eine wunderbar von Licht durchflutete Rampe, die zu eigenen fotografischen Experimenten über das Thema Imagination und Realität einlädt.

 

Bernd Donabauer, Upstairs, 2015

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Bernd Donabauer, Upstaires, 2015

 

Wir haben Zeit und da Kunst mit leerem Magen nur halb so schön ist beginnen wir den Museumsbesuch im Café mit einem Frühstück auf den rollenden Bänken des Frankfurter Künstlers Nico Filusch, der das Bisto gestaltet hat. Hier gibt es leckeren Kuchen, kleine Speisen und für jede Tasse wird der Kaffee frisch aufgebrüht. Beim Ausblick auf die Terrasse des Cafés kommt einem unwillkürlich der Gedanke, wie wunderbar es ist, dass die Planung des Gebäudes Rücksicht auf den alten Baumbestand genommen hat, der nun mit luftigem Grün Schatten spendet.

 

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Bernd Donabauer, Museumscafé, 2015

 

Traumräume

Gut gestärkt betreten wir den ersten Ausstellungsbereich und sofort fällt uns eine großräumige Installation mit einem pinkfarbenen Teppich ins Auge. Wir beschließen „groß“ zu starten und vorab sei schon verraten: gleich dieses erste Werk erweist sich im Rückblick für uns als die Krönung der Ausstellung!

 

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IMAGINE REALITY im Museum Angewandte Kunst. Barbara Breitenfellner, RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain. Bilder: Brigitta Fiesel, 2015

 

 

Eine Beschreibung des Werks ist nicht einfach, zu komplex ist allein der Aufbau. Wir diskutieren darüber, ob der Aufbau dem Museumsbau angepasst wurde, oder ob die Installation für genau dieses Ausstellungsbereich konzipiert ist. Unsere Wahrnehmungen lassen uns für Variante zwei entscheiden. Einzelne Elemente der Installation sind der weithin leuchtende pinkfarbene Teppich, eine Box aus durchsichtigem pinken Glas, in der ein Löwe aus Meißener Porzellan sitzt, ein großer Textbereich an der Wand, mehrere Glasscheiben auf einer Stellwand und zwei Teile einer wandfüllenden Fotografie. Es trägt den Titel „Traum einer Installation aus einem Hund und verschiedenen schiefen Ebenen“(2015) und ist von Barbara Breitenfellner.

Die Architektur des Gebäudes, die Lichtinstallation, die Objekte und die Fotografie sind verwoben in einem physisch spürbaren Raum- und gleichzeitig transzendent fühlbaren Traumerlebnis. Man muss das Werk begehen, es von unterschiedlichen Perspektiven aus erkunden, die einzelnen Teile in Beziehung zu einander sehen und ansehen. Je länger wir uns darin bewegen, umso mehr spannende Andeutungen, Empfindungen und Seheindrücke entdecken wir. Obwohl die Installation keine klare Abgrenzung zu dem umgebenden Raum aufweist, fühlen wir uns von ihr umgeben und durchdrungen. Unser einhelliges Urteil: einfach groß(artig)!

 

 

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IMAGINE REALITY im Museum Angewandte Kunst. Barbara Breitenfellner, RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain. Bild: Brigitta Fiesel, 2015

 

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IMAGINE REALITY, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt a.M. Barbara Breitenfellner, "Traum einer Installation aus einem Hund und verschiedenen schiefen Ebenen.", 2015. Bild: Bernd Donabauer, Interpretation eines Lichtwürfels, 2015.

 

Gedehnte Zeit

Geraume Zeit sitzen wir vor einem Ausstellungsstück, in der festen Annahme, es sei von David Claerbout. Zu sehr trägt es die Handschrift seiner Werke, die im Grenzbereich zwischen Bild und Film angesiedelt sind.

Knappe 30 Minuten sehen wir die Installation „Three Rooms“ (2008) von Jonas Dahlberg an. Zu sehen sind auf drei Bildschirmen drei Interieurs, die ganz langsam und zu Beginn unmerklich schmelzen, später in Teilen einbrechen, bis die Räume gänzlich entleert sind. Schaut man nur kurz hin, erkennt man erst einmal nicht, dass sich dort etwas bewegt. Im Verlauf der Betrachtung verlieren wir uns in der Diskussion, ob Fotografie Zeit abbilden kann. Schließlich wird oft gesagt, dass eine Bild eine "Geschichte" erzählt.

 

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IMAGINE REALITY Museum Angewandte Kunst, Frankfurt a.M. Jonas Dahlberg, Videostill "Three Rooms", 2008. Bild: Brigitta Fiesel, 2015.

 

Die Erzählung benötigt aber als notwendige Voraussetzung eine zeitlich strukturierte Abfolge von Ereignissen. Sequenzielle Kunst ist eine der Möglichkeiten, mit Hilfe der Fotografie Geschichten zu erzählen. Wir bleiben kontrovers zu diesem Thema und kommen zu keinem Ergebnis. Nicht schlimm, dieses Thema werden wir mit in die nächste RAY-Ausstellung nehmen. Offen bleibt auch, ob Dahlberg und Claerbout eine Verbindung zueinander haben, und ob eine (gegenseitige) Beeinflussung der Werke gegeben ist.

Linsenkunst informativ

David Claerbout, 1969 in Belgien geboren, studierte am Nationaal Hoger Instituut voor Schone Kunsten in Antwerpen, wo er von 1992 bis 1995 die Klasse für Malerei besuchte.
Claerbout ist ein Meister der Gratwanderung zwischen Stillstand und Bewegung, ein Erkunder von Zeit und Zeitlosigkeit. Man sollte ein bisschen mehr Zeit mitbringen, um seine Werke erkunden zu können. Ein schneller Blick langt nicht, man muss Muße haben um in seine Bilder einzutauchen und die Bewegung seiner Stillleben zu entdecken. Oder sind es eingefrorene Filmaufnahmen?
Dass Zeit relativ ist wissen wir seit Einstein. Aber nie kommt man dieser so schwer fassbaren Lehre näher, als beim Betrachten von Claerbouts Werken. Sich selbst in der Zeit zu finden oder zu verlieren ist ein weiterer Effekt der Auseinandersetzung mit seinen Installationen. Das in der heutigen Zeit so oft bemühte Wort der „Entschleunigung“ – hier kann es wahrhaft erlebt werden. Eine wirklich interessante und nachhaltige Seherfahrung.

 

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Jonas Dahlberg, Videostill "Three Rooms", 2008 © Jonas Dahlberg, VG-Bildkuns, Bonn, 2015.

 

Nahe Welten und doch so fremd

Etwas später treffen wir dann doch noch auf Claerbout. Sein Werk „Travel“ wird in einem Extraraum gezeigt, wie in einem kleinen Kino sitzen wir in den gemütlichen Sesseln und genießen eine 20-minütige Reise durch einen Wunderwald. Oder doch nur durch eine Baumgruppe? Ein naturalistisches Abbild oder eine am Rechner generierte virtuelle Realität? Hier spielt die Dimension und deren Nichteinordnenkönnen eine große Rolle. Untermalt ist das „videostill“ mit angenehmer Musik, es verleitet zum Sitzenbleiben und erneutem Ansehen, da es einen stark meditativen Charakter hat. Eine gute Möglichkeit, innerhalb der Ausstellung einmal Inne zu halten.

 

Filmquelle

David Claerbout, Travel. installed at Gallery Yvon Lambert, Paris, 2013, Claerbout Studio, 2014. Erhältlich unter: https://vimeo.com/99620788. Stand: 24.08.2015.

 

Raum und Fläche

Gegenüber von „Three Rooms“ fällt und eine Serie von Bildern ins Auge, deren feine, weiche und warme Töne schon von Ferne betrachtet unglaublich harmonisch wirken. Von nahem betrachtet sind jeweils zwei Bildebenen zu sehen, ein Struktur und eine Ansicht eines bekannten Amerikanischen Monuments. Die Strukturen geben den Bildern eine ganz eigenartige und angenehme Festigkeit, aber gleichzeitig auch etwas Weiches. Wir diskutieren darüber, ob wie hier eine Mehrfachbelichtung sehen, aber aufgrund der sich deutlich dreidimensional erhebenden Strukturen verwerfen wir diesen Gedanken wieder.

 

 

Bildquelle

Abelardo Morell, Tent-Camera Image on Ground: Rooftop View of the Brooklyn Bridge, 2010 Edwynn Houk Gallery, New York & Zürich.

 

Der Blick auf das Urheberschildchen bringt Licht ins Dunkel: Die Serie ist von Abelardo Morell und heißt „Tent Camera – Image on the Ground“ (2010-2012). Morell hat mit einer Zeltkamera, einer speziell entwickelten Camera Obscura, die Stadtansichten und Landschaften auf den umgebenden Erdboden projiziert und dann das so entstandene Bild fotografiert, so dass sich der Raum des Motivs mit der Fläche des Bodens verbindet. Spannend dabei finde ich, dass die Fläche des Bodens sehr viel über das eigentliche Motiv verrät.

Die Denk- und Entstehungsweise der Bilder fasziniert uns und wir haben lange Zeit Spaß dabei, in der Nahbetrachtung die feinen Details des verschiedenen Untergründe zu erkunden und den intensiven Gesamteindruck der Bilder von Ferne auf uns wirken zu lassen.

 

Bildquelle

IMAGINE REALITY im Museum Angewandte Kunst. Abelardo Morell, Tent-Camera Image on Ground, View of Rio Grande Looking Southeast Near Santa Elena Canyon, Texas, 2011. Edwynn Houk Gallery, New York & Zürich. Bild: Brigitta Fiesel, 2015.

 

So viel zu entdecken

Die Sammelausstellung "Imagine Reality" hält noch viele Überraschungen für den Besucher bereit. Etwa die wunderbar nostalgisch anmutende Fiktion von Joan Fontecuberta über den sowjetischen Kosmonauten Ivan Istochinkov, der in seiner Zeit kein Held sein durfte oder die Meditation "The Passage" über Zeit und Textur von Sonja Braas. Einige Geheimnisse müssen bleiben, weil es sonst keine Überraschungen wären.

Wir beschließen unseren Museumsbesuch mit einem zweiten Besuch im Bistro und lassen in gewohnter Manier den Tag und das Gesehene noch einmal Revue passieren.

 

Linsenkunst empfiehlt

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Bernd Donabauer, Museumsbesucher, 2015.

Für die Anreise

Das Museum für angewandte Kunst hat einen eigenen Parkplatz, der über die Metzlerstraße zu erreichen ist.

 

Karten

Die Eintrittskarte für die Ausstellung RAY2015 IMAGINE REALITY gilt ebenfalls für das MMK und für das Fotoforum Frankfurt, so dass man für 12 Euro drei Ausstellungen sehen kann, gültig bis zum 20.September2015.

 

Für Fotografen

Erfreulicherweise ist das Fotografieren im Museum erlaubt. An der Kasse erhält man eine entsprechende Erlaubnis.

 

Nach der Ausstellung

Im Bistro gibt es belegte Panini und hausgemachte Kuchen, dazu handgebrühten Kaffee und eine ordentliche Teeauswahl. Auf der kleinen Terrasse mit Blick auf den Metzlerpark vergeht die Zeit beim Revue passieren lassen der Ausstellung wie im Fluge.

 

Museum Angewandte Kunst

Schaumainkai 17 60594 Frankfurt
T + 49 69 212 445 39 Kasse/Foyer
T + 49 69 212 31286 / 38857 Hotline Museum Angewandte Kunst
www.museumangewandtekunst.de

Öffnungszeiten
Montag, geschlossen
Dienstag, Donnerstag-Sonntag 10-18 Uhr
Mittwoch 10-20 Uhr

Weitere Bildquellen

Hintergrundbild: Barbara Breitenfellner, "Traum einer Installation aus einem Hund und verschiedenen schiefen Ebenen." Arbeitsmaterial für eine Installation im Museum Angewandte Kunst, Frankfurt a.M., 2015. Vorschaubild auf der Linsenkunst-Startseite: IMAGINE REALITY im Museum Angewandte Kunst. Barbara Breitenfellner, RAY 2015 Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain. Bild: Brigitta Fiesel, 2015.

 

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